
Methodentraining im Schullandheim
Nicht selten beklagen wir Lehrer, Schüler seien unkonzentriert und lernfaul, gingen mit Texten und anderen Materialien ungeschickt bzw. oberflächlich um, lernten nicht gründlich oder genau. Erklärungsversuche für diesen Befund lassen sich schnell finden - was aber können wir tun, um diesem Missstand gegenzusteuern?
Aus der Überzeugung, dass Schüler intensiv und systematisch das Lernen lernen müssen, dies im täglichen Unterricht jedoch nur begrenzt möglich ist, entstand der Entschluss, den im November 2000 anstehenden Schullandheimaufenthalt der Klasse 9c zu einem Kompaktkurs „Methoden-Training“ zu nutzen. Dabei sollten einige methodische Möglichkeiten des Lernens und Arbeitens bewusst gemacht und erprobt werden. Auf der so geschaffenen Basis kann der Schulunterricht zur Festigung und Erweiterung der Verfahrenskompetenz der Schüler zurückgreifen. Als Anschauungsmaterial sollten einige Arbeitsprodukte dauerhaft im Klassenraum präsentiert werden. Das Vorgehen war so geplant, dass die Schüler vom Lehrer bereit gestelltes Material unter Nutzung verschiedener Lernwege in Einzel-, Partner-, Klein- und Großgruppenarbeit bearbeiten; das selbständige Tun sollte im Mittelpunkt stehen und auch zu Überlegungen führen, wie man Arbeitsergebnisse möglichst anschaulich darstellen kann.
Der Lehrer stellte als Arbeitsmaterial zur Verfügung: Kopierte Arbeitsblätter, große Plakate, z.B. aus Packpapier, verschiedenfarbiges Papier.
Die Schüler hatten mitzubringen: Farbige Stifte, Schere, Kleber, Schnellhefter (zum Anlegen einer „Methodenmappe“) und Locher.
Die Planung der Arbeit erfolgte in enger Anlehnung an Heinz Klippert, Methoden-Training. Übungsbausteine für den Unterricht. 8. unverä. Aufl. Weinheim und Basel 1998, ergänzt durch Methodentraining für die Schule von morgen. Zsgest. v. Bernd Werner. Hg. v. d. Arbeitsgemeinschaft der jungen Philologen im Deutschen Philologenverband, Krefeld 1998.
Folgende Einzelthemen standen auf dem Arbeitsplan: Lernstrategien; Übungen zum systematischen Lesen (5-Schritt-Lesemethode, einen Text in Absätze gliedern, Abschnitte ordnen); Markieren und Unterstreichen; Visualisieren (Warum ist Veranschaulichung wichtig? Lernplakat gestalten); Auswendiglernen mit System (Lernregeln erarbeiten, Arbeit mit der Lernkartei, Bedeutung des Wiederholens); Selbstmotivation; Tipps zur Vorbereitung von Klassenarbeiten und zum planvollen Bewältigen der Hausaufgaben.
Am Beispiel „Tipps zur Vorbereitung von Klassenarbeiten“ soll die Vorgehensweise verdeutlicht werden.
Die Erfahrung zeigt, dass manche Schüler vor einer Klassenarbeit durch Unsicherheit, ja Ängste geplagt werden. Ursache ist nicht selten der Mangel an überlegter, organisierter Vorbereitung. Deshalb soll die Klasse Lerntipps für eine effektive Vorbereitung von Klassenarbeiten erarbeiten und auf einem Lernplakat festhalten.
In Einzelarbeit entnehmen die Schüler aus einem Sachtext Informationen und Anregungen über die Vorbereitung von Klassenarbeiten, die sie zu Merksätzen formulieren. Diese überprüfen und ergänzen sie mit Hilfe eines zweiten Arbeitsblattes.
Anschließend werden die Ergebnisse in kleinen Gruppen verglichen, diskutiert und zu einem gemeinsamen Bündel von Merksätzen vereinheitlicht.
Im nächsten Schritt entwirft jede der sechs Gruppen ein Lernplakat. Dabei greifen sie zurück auf Kenntnisse, die sie bei der Arbeit am Thema „Visualisieren“ gewonnen haben.
Dann werden die Lernplakate (50x125 cm Packpapier) gestaltet, im großen Tagesraum präsentiert und kritisch begutachtet.
Überrascht waren alle Beteiligten von der entwickelten grafischen Phantasie, doch hatte die eine oder andere Gruppe dabei die Inhalte etwas aus den Augen verloren. Das war auch den Schülern selbst schnell bewusst: Sie wählten zur Dauerpräsentation im Klassenraum jeweils ein grafisch besonders auffallendes und ein inhaltlich überzeugendes Plakat aus.
Die Durchführung der Aufgabe nahm insgesamt etwa 2 1/2 Stunden in Anspruch.
Eingebaut in das Methodentraining wurde eine weitere praktische Aufgabe. Die letzte Unterrichtsreihe im Fach Deutsch vor dem Schullandheimaufenthalt der Klasse war dem Untersuchen und Verfassen von Gedichten zum Thema „Liebe“ gewidmet. Das Verfassen und Präsentieren von Gedichten sollte im Schullandheim erfolgen.
Aufgegriffen wurde die Anregung im Lesebuch (Deutschstunden 9, Cornelsen), sich z. B. durch Gedichtanfänge zur eigenen Produktion anregen zu lassen, Gedichte um- oder weiterzuschreiben; aber auch jede andere eigene Idee der Schüler sollte willkommen sein. Die Form der Gedichte blieb freigestellt; Einzel- oder Partnerarbeit waren möglich. Verbindlich war allerdings die Auflage, dass alle Gedichte, schön gestaltet auf Din A3-Blättern, präsentiert werden sollten; Gestaltungsmöglichkeiten hatten die Schüler schon kennen gelernt beim Methoden-Thema „Visualisieren“.
Die Präsentation der 21 Gedichtblätter erfolgte auf Wunsch der Schüler im Tagesraum des Schullandheims. Die Resultate zeigen ein breites Spektrum von gelungenen bis weniger überzeugenden Versuchen. (Zeitbedarf ca. zwei Stunden)
Blicken wir auf die 3 ½ Tage intensiver Arbeit (Insgesamt ca. 12 Stunden) an einem umfangreichen, anspruchsvollen, aber auch abwechslungsreichen Programm zurück, dürfen alle Beteiligten mit den Ergebnissen ihrer Anstrengungen zufrieden sein. Jeder Schüler hat eine Methodenmappe angelegt, auf die im Unterricht zurückgegriffen werden kann und die sukzessive ergänzt werden soll. Die im Klassenraum ausgehängten, von den Schülern ausgewählten Arbeitsprodukte zeugen von inhaltlicher Sorgfalt und Kreativität der Veranschaulichung.
Wie gelingt es, mit einer 9. Klasse im Schullandheim so zu arbeiten, wo Schüler erfahrungsgemäß eher zum Eskapismus neigen? Überzeugungskraft und manchmal auch konsequenter Nachdruck von Seiten des Lehrers sind erforderlich. Die Schüler müssen schon frühzeitig auf den Arbeitscharakter des Aufenthalts eingestimmt werden; es muss ihnen aber auch verdeutlicht werden, dass daneben genügend Raum für individuelle Freizeit, Gemeinschaftserlebnis im Haus und in der Natur sowie Spaß bleibt. Jedem Schüler muss klar werden, dass das Privileg des jährlichen Schullandheimaufenthaltes die Chance bietet, Unterricht in anderer als der gewohnten Form durchzuführen, und dass daraus die Pflicht erwächst, diese Möglichkeiten im eigenen Interesse zu nutzen.
Eine anonyme Befragung der Klasse nach dem Schullandheimaufenthalt belegt, dass die Schüler das Anliegen nicht nur verstanden, sondern auch weitgehend akzeptiert und den Aufenthalt in inhaltlicher wie sozialer Hinsicht als sinnvoll und erfolgreich empfunden haben. Die Schlussfolgerung darf also lauten: Zur - wie auch immer modifizierten - Nachahmung empfohlen.
Dieter Stüttgen