Dieser Eintrag stammt von C. M.(* 1983) aus Bonn. cm@ema.bn.nw.schule.de, 3.4.2000:
   

Besuch bei Rudi Dutschke

Mein Vater erinnert sich an folgende Begebenheit: Es muss in den Jahren 1965/66/67 gewesen sein, kurz bevor die Studentenrevolte 1968 ihren Höhepunkt erreichte. Da war er zu Besuch bei Rudi Dutschke in Berlin. Als Architekturstudent an der Technischen Hochschule Aachen war er im SDS organisiert. Auf Einladung von Dutschke fuhr eine kleine Vertretung des SDS, unter der mein Vater war, nach Berlin in die Altbauwohnung von Rudi Dutschke. Er fand ihn mit seiner schwangeren Ehefrau und dem Kommunarden Kunzelmann vor. Das schwangere Gretchen, Rudis Frau, servierte Tee. Man sprach über die Strategie, wie sich die gesamte Architekturfachschaft auf SDS-Kurs bringen ließ, mit Aktionen, Schaffung von öffentlichem Raum und Agitation. Stichworte der damaligen Zeit und des Gesprächs waren: "Marsch durch die Institutionen, Macht kaputt, was euch kaputt macht!", "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren", "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment", Kommunenleben. Kunzelmann war Mitbegründer der legendären K1, der ersten Kommune. Am Abend verabschiedete man sich und erst Jahre später stellte sich das Gefühl ein, einem wichtigen Zeitzeugen begegnet zu sein. Rudi Dutschke war der hervorragendste Vertreter der deutschen Studentenrevolte von 1968, vergleichbar mit Daniel Cohn-Bendit für die französischen Studenten. Dutschke wurde später auf der Straße vor dieser Altbauwohnung von einem Attentäter niedergeschossen. An diesen Verletzungen starb er Jahre später in Dänemark.

"Oma, runter vom Balkon, unterstütz' den Vietkong,
lass den Kuchen, lass die Sahne, schnapp Dir eine rote Fahne!"
(Demo-Lyrik aus dem Jahre 1968)

Interview, Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium Bonn

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