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Dieser Eintrag stammt von L. M.(*1983) aus Bonn. lm@ema.bn.nw.schule.de, 3.4.2000: |
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Thema: Flucht aus Ostpreußen Auf einer Familienfeier im vorigen Sommer erzählte meine Großtante, sie sei bereits im 2. Weltkrieg mit einem abgetauchten U-Boot - wegen des Beschusses der Russen - gefahren. Dies war der ganzen Familie neu, weshalb ich mir die Geschichte von der Flucht aus Ostpreußen von meinem Großvater erzählen ließ: Das Weihnachtsfest 1994 hatten sie noch einmal wie alle anderen Jahre in Guttstadt, einer Kleinstadt in Ostpreußen gefeiert. Aber es herrschte eine trügerische Ruhe, denn bereits im Oktober waren erstmals russische Truppen über die ostpreußische Grenze eingedrungen. Die Grausamkeiten, die die Russen in Nemmersdorf an der Bevölkerung begangen hatten, war allen noch in Erinnerung, aber man verdrängte die Bedrohung. Die nationalsozialistische Propaganda tat ihr Übriges. 14 Tage später hatte sich alles geändert. Mein Großvater, in Köln als Flak-Soldat stationiert, hatte schnellstens Kurzurlaub genommen, um bei den Vorbereitungen zur Flucht zu helfen. Die sowjetische Armee war nämlich in der Zwischenzeit von Warschau aus entlang der Weichsel vorgerückt und drohte Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet abzuschneiden. Am 16. Januar kam mein Großvater zu Hause an. 4 Tage später standen die ersten Panzer ca. 20 km südlich von Guttstadt . Erst zu diesem Zeitpunkt stellte die Reichsbahn Güterzüge zum Abtransport der Bevölkerung zur Verfügung. Der Zug benötigte auf der Fahrt nach Königsberg 2 Tage, eine Fahrt, die sonst 2 Stunden dauerte. Die Lokomotive wurde auf freier Strecke für Truppen- und Munitionstransporte abgekoppelt. Man kann sich leicht denken, was sich in dem überfüllten Zug bei 20 C Frost ohne Wasser, ohne Essen und ohne sanitären Anlagen abgespielt hat. In Königsberg angekommen, bezog meine Familie einfach eine leere Wohnung. Die Russen hatten zwischenzeitlich Ostpreußen eingekesselt, deshalb war eine Ausreise nur noch per Schiff über die Ostsee möglich. Im Hafen von Königsberg spielten sich fürchterliche Szenen ab. Mein Großvater wurde Augenzeuge, wie verzweifelte Menschen in Panik die Schiffe stürmten und sich dabei gegenseitig in das eiskalte Wasser stießen. Durch Zufall hörte er, dass ein Passagierdampfer, die "Göttingen" in Pillau, dem Kriegshafen von Königsberg lag und damit ein Transport nach Deutschland möglich war. Es gelang ihm, die Familie auf dieses Schiff zu bringen. Er selbst musste als Soldat zurück bleiben, da nur Frauen und Kinder auf das Schiff durften. Mein Großvater musste schnellstens zu seiner Einheit zurück, denn sein Kurzurlaub war bereits abgelaufen. Überall wurden Soldaten von den Feldgendarmen überprüft. Es gelang ihm, mit dein Kohlefrachter "Masuren" aus Ostpreußen herauszukommen. Nach 6 Tagen landete er zufällig in Swinemünde, einem Hafen bei Stettin. Dort sah er die "Göttingen". Die Familie hatte also zumindest die Überfahrt geschafft, denn einige Schiffe, wie z.B. die "Wilhelm Gustloff" waren von russischen U-Booten torpediert worden und untergegangen. Im Falle der Gustloff ertranken 5000 Flüchtlinge und nur 800 konnten gerettet werden. Mein Großvater schaffte es, nach Köln zu kommen, jedoch ohne zu wissen, wo seine Familie war. Am 16. April 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft, wurde aber schon im November auf der Hofgartenwiese in Bonn entlassen. Weihnachten 1945 erhielt er von seiner Frau Post. Sie hatte verschiedene Briefe an die Einsatzorte meines Großvaters während des Krieges geschickt. Im Januar 1946 kam auch der Rest meiner Familie ins Rheinland und traf auf dem Siegburger Bahnhof endlich wieder zusammen. Ihre alte Heimat haben sie nie mehr gesehen. Zurück zu meiner Großtante: Sie musste damals noch in Guttstadt zurückbleiben, da sie den Abtransport von Generatoren aus dem Elektrizitätswerk beaufsichtigen musste. Kurz vor Einnahme der Stadt durch die Russen musste sie mit Kollegen zu Fuß durch den "Kessel von Heiligenbeil" zur Ostsee flüchten. Dort reihte man sich in die Flüchtlingstrecks ein, die in langen Reihen über das Eis des "Frischen Haffs" zogen. Auf dem Eis wurden sie ständig von sowjetischen Tieffliegern mit Maschinengewehren angegriffen. Lebend in Danzig angekommen, versuchte meine Großtante, wie alle Anderen, einen Platz auf einem Schiff zu ergattern. Durch Zufall traf sie dort einen Bekannten, der als U-Boot-Soldat Dienst tat. Auf diese Weise konnte sie im U-Boot, abgetaucht wegen des Beschusses der Russen, aus Ostpreußen entkommen und ins Rheinland nach Bonn - zum Rest der Familie - gelangen. |
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