Dieser Eintrag stammt von Leonie G. (* 1984) aus Bonn. lg@ema.bn.nw.schule.de, 3.04.2000:
   

Interview mit einer Japanerin

Frau T. ist 55 Jahre alt und stammt aus Tokio/Japan.

Sie kam 1975 nach Deutschland, um ihre pianistische Ausbildung fortzusetzen und zu beenden. Nach ihrer Fortbildung ging sie für 5 Jahre in die USA. Sie hatte jedoch schnell Heimweh, allerdings nicht, wie man vermuten würde, nach Japan, sondern nach Deutschland. Ihr fehlten die netten Deutschen. Deshalb entschied sie sich auch wieder nach Deutschland zu ziehen. Nun lernte sie hier auch ihren Mann kennen. Damals begann sie auch als Klavierlehrerin zu arbeiten, sowohl in Musikschulen als auch privat. Nach ihren Angaben wurde sie in Deutschland sofort freundlich aufgenommen und in die Gemeinschaft integriert. Freundlich, nett und hilfsbereit sind auch die Adjektive, mit denen sie die Deutschen im allgemeinen beschreiben würde. Allerdings sei ihrer Meinung nach eine negative Eigenschaft, dass die Deutschen viel zu sehr auf Europa und die USA fixiert seien. „Die Deutschen“, sagt sie, „wissen viel zu wenig über Asien.“ Trotz ihres guten Verhältnisses zu den Deutschen gab es zwei Fälle, in denen sie oder ihre Mutter diskriminiert wurden. Der erste Vorfall ereignete sich, als sie schon seit zehn Jahren in Deutschland lebte. An diesem Tag saß sie im Zug von Bonn nach Köln. Sie hatten einem leeren Viererabteil am Fenster in Fahrtrichtung Platz genommen, als ein älterer Herr mit einem Stock das Abteil mit noch drei freien Plätzen betrat. „Er zeigte mit seinem Stock auf mich und sagte:“ „Steh auf!“. Völlig verwundert fragte sie: „Wieso?“. Und er antwortete: „Du, Chinese, mein Sohn hat mir gesagt, ihr habt in Indien schlimme Sachen gemacht.“ Nachdem Frau T. im erklärt hatte, dass sie keine Chinesin, sondern eine Japanerin sei, bestand er weiterhin darauf . Also stand sie auf und gab den Platz frei. Drei deutsche Frauen, die das Gespräch mitgehört hatten, fingen dann aber an, Frau T. zu verteidigen und sich mit ihr zu unterhalten. Das andere Erlebnis ereignete sich wieder in einer Bahn und betraf ihre Mutter, die kein Deutsch kann, und Frau T.’s Mann, der sie begleitete. In der Bahn saß eine Gruppe von Schülern ,die anfingen Frau T.’s Mutter zu beleidigen. Nachdem Frau T.’s Mann die Gruppe aufgefordert hatte, damit aufzuhören, machte diese immer noch weiter, bis Frau T.’s Mann sehr deutlich wurde. Später sagte er, die Schüler hätten wohl nicht gewusst, dass die kleine Japanerin nicht alleine war. Frau T. hat diese unschönen Erlebnisse aber bald vergessen und dadurch keine schlechtere Meinung von den Deutschen bekommen. Heute gibt sie hier immer noch Klavierunterricht und fliegt nur nach Japan und in die USA, um Konzerte zu geben oder um dort Besuche zu machen.

Interview im Rahmen des Projektes "Migranten in Bonn, Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium Bonn"

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