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Dieser Eintrag stammt von K. B.(*1982) aus Bonn. (kb@ema.bn.nw.schule.de), 5.4.2000: |
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Flucht aus dem Sudetenland Meine Großmutter lebte als junges Mädchen in Freudental am Fuße des Altvaters im Ost-Sudetenland (etwa 4 Autostunden von Wien entfernt). Vom zweiten Weltkrieg in Deutschland bekam sie eigentlich sehr wenig mit. Zu spüren bekam sie ihn erst,als Flüchtlinge aus der Tschechei und aus Ungarn in ihrem Dorf eintrafen. Zu Tausenden kamen sie im tiefen Winter, um Hilfe zu finden. Sie bekamen sie. Möbel wurden an die Wände gerückt und Stroh aufgeschüttet, damit sie nicht draußen frieren mußten. Alle hatten lange Fußmärsche hinter sich, bei denen sie Strohballen und Plastiktüten um ihre Beine gewickelt hatten, um sich warm zu halten, soweit es möglich war. Doch dann hatten die Deutschen gegen die Russen verloren und die schlugen zurück. Alle mußten fliehen und durften nur das mitnehmen, was sie tragen konnten. Tagelang rannten sie , mit nächtlichen Pausen, doch wer mit seiner Kraft am Ende war und stehen blieb, wurde erschossen. Keiner traute sich, sich umzudrehen aus Angst, es könnte einer der Familie gewesen sein oder gar selber erschossen zu werden. Sie flüchtete mit ihren Eltern von Freudental ins Lausitzer Gebirge zu ihrer Großmutter, und von dort aus Richtung Leipzig, wo sie auch erst einmal blieben. Ihr Bruder hatte nicht mit ihnen fliehen können, da er bereits im Alter von 15 Jahren als Flakhelfer eingezogen worden war. Zu diesem Zeitpunkt in Leipzig war er als vermisst gemeldet worden, und die Familie bangte um sein Leben. Nach einer Weile jedoch bekamen sie von einer Bekannten die Nachricht, dass er am Leben sei. Ihr Vater arbeitete damals als Forstbeamter und fand in Leipzig auch eine Arbeitsstelle, von der er allerdings nach kurzer Zeit degradiert wurde. Seine "Kollegen" nahmen ihm seine Uniformjacke und seine Stiefel weg. So lief er also nach Hause mit blutenden Händen, Füßen und Knien. Seine Hose war an den Knien kaputt, und so fragte er seine Frau, ob sie ihm das nicht flicken könnte. Darauf antwortete sie nur, dass wenn sie Nadel, Faden oder einen Flicken hätte, sie ihm die Hose gerne genäht hätte, aber sie konnte es nicht. Damit, denke ich, wollte mir meine Großmutter verdeutlichen, wie wenig sie damals hatten. Das einzige, was ihre Mutter hatte mitnehmen können, war die Schultasche meiner Oma und ein Messer gewesen . Alles andere hatte man ihnen weggenommen. Dort in Leipzig, lernte sie auch ihren zukünftigen Mann kennen, mit dem sie nach Ostberlin ging, und von dort aus später heimlich nach Westdeutschland. Dort versuchte sie sich eine Existenz aufzubauen und nahm eine Stelle als Lehrerin an, welche es ja im Überfluß gab, da viele Lehrer suspendiert worden waren . Nach einer Weile kamen dann auch ihre Eltern nach, jedoch ihr Bruder mußte in Ostdeutschland bleiben. Selbst als die Mutter gestorben war, durfte er nicht zu ihrem Begräbnis kommen. Als 1989 die Mauer fiel, konnten sie und ihr Bruder sich seit 30 Jahren wiedersehen . Sie erzählte mir, daß sie so viel Freude und Glück selten gesehen habe. Und das mag schon was heißen, bei einer Frau, die so viel erlebt hat . Seit dem sie mir das, was ich hier geschrieben habe und noch viel mehr, erzählt hat, betrachte ich sie mit ganz anderen Augen. Ich finde Menschen, die so viel schreckliches erlebt haben, die mit nichts dastanden und sich so eine neues Leben aufgebaut haben, einfach bewundernswert .
K. Weisweiler Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium Bonn) |
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