Aristoteles


Interviewer: Guten Tag, meine sehr verehrten Zuhörer! Ich begrüße Sie ganz herzlich zu unserer Philosophiestunde mit aktuellen Themen in unserem Radiosender. Heute haben wir ein sehr interessantes Thema und zwar den One-Night-Stand. Über dieses Thema werden wir gleich mit unserem Star-Gast Aristoteles, der extra zu diesem Zwecke aus dem Jenseits zu uns anreiste, eine Diskussion führen. Aristoteles lebte von 384 bis 322 vor Christus und war neben Platon der berühmteste griechische Philosoph. Ich möchte mich auch gleich dafür bedanken, dass Aristoteles zu dieser Diskussion bereitwillig zu uns ins Studio gekommen ist. Also, begrüßen Sie nun mit uns- Aristoteles!

Aristoteles: Hallo! Vielen herzlichen Dank für die Einladung. Es wird bestimmt heute ein sehr interessantes Gespräch werden. Zunächst habe ich allerdings eine Frage. Zu meiner Zeit gab es den Begriff „One-Night-Stand“ noch gar nicht. Deswegen bräuchte ich eine genaue Definition dieses Begriffes.

Interviewer: Natürlich, das ist kein Problem. Der Begriff „ One-Night-Stand“ wird als Synonym für „Seitensprung“ gebraucht. Und diesen, lieber Aristoteles hat es auch zu ihrer Zeit bereits gegeben. Seitensprünge sind uns nämlich schon seit Jahrtausenden bekannt. Als berühmtestes Beispiel wäre da wohl der griechische Gott Zeus zu nennen. Dieser war mit Hera, der Göttin der Heirat und Beschützerin der Ehefrauen, verheiratet. Aber dies bewahrte sie nicht davor, dass ihr Ehemann mit anderen Göttinnen und sogar auch mit Sterblichen Verhältnisse einging, aus welchen auch zahlreiche Kinder entstanden, wie beispielsweise Apollon, der Gott der prophetischen Weissagung und Schutzgott der Jugend. Es dürfte uns auch allen das Verhältnis mit der schönen Europa bekannt sein, die von Zeus in der Gestalt eines weißen Stieres bezaubert wurde. Aber die Sache mit den Seitensprüngen hat sich bis heute ja nicht großartig verändert. Man kann doch immer wieder, ja tagtäglich in großen, bunten „Käseblättern“ lesen, dass irgendjemand mit einem anderen ein mysteriöses Verhältnis hat. Man liest und hört doch immer wieder von Menschen, die in einer Beziehung leben, aber gleichzeitig auch gern einmal den oder die Partnerin wechseln, ohne vorher seine andere Beziehung beendet zu haben. Womit es sich hierbei nun also nachweislich um einen Seitensprung handelt. Ein One-Night-Stand ist aber genau genommen nicht zwangsweise ein Seitensprung. Denn der Begriff „Seitensprung“ impliziert, dass bei diesem Unterfangen ein anderer Mensch betrogen wird. Ein One-Night-Stand ist ein sehr kurzzeitiges Verhältnis mit Geschlechtsverkehr, das sich nur auf eine Nacht bezieht, und sich zwischen zwei oder mehr Menschen abspielt. Im Regelfall bezieht sich der One-Night-Stand jedoch nur auf zwei Personen, von denen keiner, einer oder manchmal auch beide, gleichzeitig mit einem anderen Menschen in einer festen Beziehung lebt .Wenn nun also ein Single einen One-Night-Stand hat, kann dieser nicht als Seitensprung angesehen werden, da kein anderer Mensch hintergangen wird. Wenn man über den One-Night-Stand einer gebundenen Person spricht, muss man natürlich noch die Art der Beziehung, in der die Person lebt, besondere Beachtung schenken. Damit sei gemeint, ob eine eher lockere, „offene“ Beziehung vorliegt, oder ob es sich um einen Seitensprung in einer Ehe, wie beim Beispiel von Zeus handelt. Wir wollen uns nun in unserer Diskussion damit befassen, ob ein Seitensprung nach Ihnen, lieber Aristoteles, akzeptabel ist, und ob er mit Hilfe ihres Gesetzes der Eudaimonia - der Glückseligkeit- gerechtfertigt werden kann. Da es jedoch viele Formen des Seitensprunges gibt, wollen wir uns hierbei auf einige wenige beschränken. Wir hoffen, dass wir herausarbeiten können wie Sie den Seitensprung ethisch bewerten würden. Nun aber endlich los!

Aristoteles: Danke erst einmal für diese ausführliche Definition. Mit diesem Bezug zur Beziehung von Hera und Zeus, dessen Namen mir natürlich ein Begriff sind, fällt es mir sehr leicht zu verstehen, was sie mir hier mitteilen wollten und so habe ich zu dieser Definition auch keine weiteren Fragen mehr. Also müssten wir jetzt erst mal zwischen den verschiedenen Formen des „One-Night-Stands“ differenzieren. Es gibt einen One-Night-Stand von: a) zwei nicht gebundenen Menschen b) einem gebundenen und einem ungebundenen Menschen c) zwei, jeweils in einer Beziehung lebenden Menschen d) einem Paar in einem Swinger-Club Hier bei muss man auch noch jeweils die Form der Beziehung zwischen den Partnern berücksichtigen, denn es existieren so genannte „offene“ Beziehung, in der die Partner sich auch mir anderen Menschen treffen und eventuell sogar ein Verhältnis haben dürfen. Das stimmt so, nicht wahr?

Interviewer: Ja! Gut, dass Sie meine Definition verstanden haben und ihre erstellte Liste halte ich auch für sehr sinnvoll. Ich denke, dass wir uns einfach zunächst einmal den Punkt a) vornehmen sollten. Ich möchte jetzt von Ihnen, Aristoteles, ihre Meinung dazu hören.

Aristoteles: Also, zunächst handelt es sich ja um einen nicht gebundenen Menschen im Fall a). Dieser kann also nicht seine Partnerin oder seinen Partner mit der Handlung eines One-Night-Stands verletzen. Mit meiner Theorie der „Eudaimonia“ als oberstes Handlungsziel muss für den Menschen im Fall a) die Glückseligkeit in der Handlung des One-Night-Stands liegen. Außerdem ruft der One-Night-Stand auch Lust hervor. Die Lust muss dann die Glückseligkeit für diesen Menschen bedeuten, denn die Glückseligkeit darf nur um ihrer selbst Willen gesucht und erstrebt werden. In diesem Fall ist die Lust dann auch gleichzeitig oberstes Handlungsziel für diese Person. Man muss sich selber dann natürlich fragen, ob es sinnvoll ist, die Lust als oberstes Handlungsziel zu setzen, denn dabei entsteht das Problem, dass wenn alle Menschen ihrer Lust folgen ein reinstes Chaos entsteht. Aus meiner Sicht kann Lust zwar folglich der Theorie als oberstes Handlungsziel gelten, jedoch ist dies im normalen Leben nicht besonders praktikabel. Jedoch liegt es nun im eigenen Ermessen der betreffenden Person, ob sie durch einen One-Night-Stand zur Eudaimonia gelangen möchte, beziehungsweise kann.

Interviewer: Vielen Dank für diese Einschätzung zum Fallbeispiel a). Wir sollten jetzt auch direkt zu Fall b) übergehen. Und ich muss schon sagen, dass ich sehr auf die Erläuterung zu Fall b) gespannt bin. Also, Aristoteles, was möchten Sie uns jetzt zu Fall b) sagen?

Aristoteles: Zum Fall b) habe ich folgende Theorien. Der One-Night-Stand einer in einer Beziehung lebenden Person nimmt ganz andere Dimensionen an, als im Fall a). Denn bei dieser Art von One-Night-Stand, handelt es sich nämlich um einen Seitensprung, also um das Hintergehen seines Partners. Dieser Seitensprung kann vier verschiedene Dinge andeuten: Erstens besteht die Möglichkeit, dass die betreffende Person den sexuellen Kontakt mit seinem Partner nicht mehr anregend findet, und um seine Bedürfnisse zu befriedigen nun also jemanden anderen zu seinen Zwecken ,,benutzt´´. Zweitens kann es bedeuten, dass die Person Erfahrungen, die man in einer anderen Beziehung sammeln kann, machen möchte. Sei es nun auf die Praktiken bezogen, oder einfach auf das Gefühl des puren, sexuellen Verkehrs, ohne Gefühle für die Person zu empfinden, abgesehen natürlich von den Gefühlen, die seine Erregung ,die zweifelsohne auf den One-Night-Stand zurück zuführen ist, hervorruft. Drittens kann es bedeuten, dass diesem Menschen nichts an einer auf Liebe beruhenden Beziehung liegt, und es ihm nur darum geht, einen perfekten Partner auf sexueller Ebene zu finden, wie es ja eigentlich in der Natur der Säugetiere zu liegen scheint. Viertens besteht die Möglichkeit, dass die Person ihrem Partner auf einer hohen, emotionalen Ebene „eins auswischen“ will, ihn also somit willentlich verletzt.

Interviewer: Das waren vier ziemlich plausible Gründe, allerdings würde mich noch interessieren, wie diese mit ihrer Philosophie der Eudaimonia in Zusammenhang stehen?

Aristoteles: Das werde ich ihnen erklären sobald ich ihnen den Fall c) erläutert haben werde. Der Seitensprung zwischen zwei in einer Beziehung lebender Menschen kann mit den gleichen Argumenten erklärt werden wie der Fall b), allerdings kommt mir gerade noch eine fünfte Erklärung in den Sinn, die auch bei beiden Fälle zutreffend sein kann, und zwar das Risiko. Manche Menschen scheinen darauf aus zu sein, etwas aufs Spiel zu setzen, wofür es bei jedem Einzelnen individuelle Gründe geben kann, die man hier unmöglich alle erläutern könnte. Nun fragen Sie mich aber nach einem Zusammenhang zwischen den oben aufgezählten Gründen und meiner Theorie der Eudaimonia. Ich habe Ihnen das schon beim Fall a) teilweise erläutert. Sehen wir die Sache von der rein sexuellen Seite, dann könnte man ja zum Beispiel sagen, dass ein Mensch, sobald er jemanden gefunden hat, mit dem er sexuell auf einer Wellenlänge ist, sich in einer Art Glückszustand befindet, welcher mit meiner Eudaimonia gleichzusetzen ist. So haben sie direkt meine Erläuterung. Man muss nur davon ausgehen, dass ein Mensch mit dem was er tut, darauf abzielt glücklich zu werden, um eine Erklärung für sein Verhalten zu finden. Ein One-Night-Stand jedoch ist, ob nun intentional oder nicht, etwas sehr grausames, da er den Partner, mit dem man eine Beziehung führt, sehr verletzt, wenn man ihm fremdgeht. Somit wird der Partner in seiner Würde degradiert und wenn man nun sogar eine andere Person dazu benutzt seinem eigentlich Partner eins „auszuwischen“, so wird auch noch die andere Person als „Mittel zum Zweck“ degradiert. Dies halte ich für nicht richtig. Jeder strebt doch seine persönliche Glückseligkeit an, er sollte jedoch niemals andere Menschen zu seinen Zwecken missbrauchen.

Interviewer: Dies erscheint mir ebenso. Ich kann mir fast denken, was Sie zu unserem Fallbeispiel d) zu sagen haben. Nun?

Aristoteles: Langweile ich Sie, wenn ich nun wieder die Glückseligkeit als höchstes Handlungsziel nenne? Also, im Fall d) würde es sich um einen One-Night-Stand eines Paares in einem Swinger-Club handeln. Es befinden sich also beide betreffenden Personen in einer festen Beziehung, jedoch sind beide mit dem One-Night-Stand einverstanden. Ich habe die Glückseligkeit als höchstes, angestrebtes Ziel des Menschen angesetzt. Folglich ist dieser One-Night-Stand, solange beide Partner einverstanden sind und ihre Eudaimonia in diesem Akt finden können, legitim.

Interviewer: Sehe ich es richtig das Sie, Aristoteles, den One-Night-Stand als solchen legitimieren, wenn er zur Glückseligkeit der betreffenden Personen beiträgt? Und das dieser nur dann nicht moralisch richtig ist, wenn ein Mensch dabei als „Mittel zum Zweck“ missbraucht wird?

Aristoteles: Ja, allerdings. Sie haben mich vollkommen richtig verstanden. Nun muss ich aber schnellstens wieder zurück ins Jenseits- ich kann Petrus schon förmlich winken sehen. Danke für das interessante Gespräch! Bei mehr Interesse an meiner Philosophie, kann ich nur das Lesen meiner Werke empfehlen. In diesem Sinne, auf bald und werden Sie glückselig, verehrte Zuhörer!


Dieses Interview wurde geführt von Martin Wogan, Ebba Kompa, Laura Dülpers und Julius Kraft.