Hinduismus - Geschichte und Erfahrungen


Genau kann man heute nicht mehr sagen, wie der Hinduismus, die älteste der fünf Weltreligionen, entstanden ist. Die heutigen Hindus verstehen ihre Religion als zeitenlos, und unterstreichen somit den Gedanken von einer ewigen Religion und einer ewigen Ordnung. Außerdem kann man den Anfang der Religion aus dem Grunde nicht genau datieren, da sich Religionswissenschaftler darüber streiten, wann aus den Bräuchen der Ureinwohner Indiens nun eine Religion entstanden ist und welche historischen Gegebenheiten zur Definition entscheidend sind. Der Hinduismus kennt keinen Gründer wie andere Religionen, er ist eher eine Symbiose von verschiedensten Naturreligionen, erweitert durch Einflüsse verschiedener religiöser Epochen Indiens. Seine Geschichte ist daher sehr vielseitig, so dass man nur bestimmte Hauptlinien und Epochen nennen kann.
Die ersten Wurzeln der Religion stammen von ca. 2500 v. Chr., wo am Industal eine Hochkultur lebte, die sog. "Harappakultur". Viele Elemente der heutigen hinduistischen Religion, deren Herkunft nicht genau erklärt werden können, werden auf diese historische Epoche zurückgeführt. Das momentane Wissen über die Induskultur und ihre Religionen ist nur Bruchstückhaft, da dieses ausschließlich aus historischen Funden abgeleitet werden kann. Die Schrift konnte bis heute nicht entziffert werden. Siegelfunde wie z.B. das Bildniss von einer von Tieren umrahmten Gottheit, die Shiva darstellen könnte, von der Verehrung von Tiergottheiten, oder aber auch Bildnisse von frühen Formen der Meditation zeugen eindeutig vom Einfluss der Epoche auf den späteren Hinduismus.


Die vedische Religion


Die Induskultur lag bereits im sterben, evtl. durch eine Seuche oder eine Klimaveränderung bedingt, als eine Gruppe von "Ariern" (von Arya, die Edlen), vermutlich aus Zentralasien stammend, in das Industal einzog und die Ureinwohner integrierte oder verdrängte. Diese Arier waren Halbnomaden, die in der Zeit von ca. 1700 bis 1200 v. Chr. in einer großen Völkerwanderung durch Asien streiften. Viele wurden im Industal sesshaft und zu Bauern. Sie sprachen eine frühe Form des Sanskrit und organisierten sich in Stämmen, die wiederum in Familien gegliedert waren. Der Stamm wurde von einem Häuptling beherrscht und die Mitglieder bildeten Funktions- und Berufsgruppen. Das Wissen über die Arier stammt meist aus dem Erbe ihrer heiligen Literatur, den sog. "Veden", welche die erste literarisch belegte Religion Indiens, den "Vedismus", definieren. Der Vedismus war eine polytheistische Religion, die zunächst den Opferkult als Basis hatte. Hieraus entwickelte sich der sog. "Brahmanismus", benannt nach dem vierköpfigen Gott "Brahma". Mit ihm entwickelten sich die Lehren von Samsara, dem ewigen Kreislauf, von Karma, einer Art Bilanz der guten und schlechten Taten, und von Atman und Brahman, einer Lehre der göttlichen Identität.

Der klassische Hinduismus


Ab ca. 500 v. Chr. bis ca. 1000 n. Chr. entfaltete sich in Indien eine Ära, die man den "klassischen Hinduismus" nennt. In dieser Ära spalteten sich weitere Religionen vom Hinduismus ab, wie etwa der Buddhismus, der allerdings nach indischen Ansichten nur eine hinduistische Unterreligion darstellt. Außerdem begann eine neue Phase für Vedismus und Brahmanismus, in der sich der eigentliche Hinduismus entwickelte. Geprägt wird diese Entwicklung durch philosophische Bewegungen, durch die Bildung des sog. Kastensystems (ähnlich dem europäischen Ständesystem) und durch die Hochzeit der Sanskrit-Literatur. Allerdings ist in dieser Epoche so wie auch in anderen Religionen nicht nur eine Ausrichtung der Entwicklung festzustellen.
So entwickelte sich z.B. in dieser Epoche (zwischen dem 6. und 2. Jahrhundert v. Chr.) der "Vishnuismus". Er ist eine eher monotheistische Religion, die aus der Synthese von verschiedensten Volkskulten hervorgegangen ist. Bis zur Zeit der Bhagawadgita (ein aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammendes Lehrbuch, Sanskrit: "Gesang des Erhabenen") wurden viele regional als Götter verehrte Helden, einschließlich des weltweit bekannten "Krishna", der vedischen Gottheit Vishnu gleichgesetzt, was dazu führte, dass diese zum höchsten Gott und Welterlöser erhoben wurde. Alle Gruppen des Vishnuimus erkannten als Religionsbasis die sog. "Pancaratra-Theologie" an. Sie besagt, dass sich Vishnu als Reinkarnation in unterschiedlichen Gestalten offenbart (sog. Avataras), ohne jedoch "die Einheit seines Selbst aufzugeben". So wurden die einstigen Helden wie Krishna oder Rama zu den Reinkarnationen Vishnus befördert. Im laufe der Geschichte entwickelte sich der Vishnuismus zur anhängerreichsten Form des Hinduismus.


Parallel zum Vishnuismus entwickelte sich auch der Shivaismus. Shiva ist der in der westlichen Welt vielleicht bekannteste hinduistische Gott. Die Shiva-Verehrung entstand vermutlich in vorarischer Zeit in der Induskultur, wo ein Shiva-ähnlicher Kult existierte, durch den die Gottheit "Rudra" verehrt wurde. Bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. wurde Rudra-Shiva von einigen Anbetern als der einzige allmächtige Gott angebetet. Die älteste überlieferte Sekte des Shivaismus ist die der asketischen "Pashupatas". Ihre Anhänger waren die sog. "Kapalas", die wie Shiva auf Leichenverbrennungsstätten lebten und Menschenschädel als Kultgegenstände trugen. Shiva ist ein sehr vielseitiger Gott. Er ist schrecklich, aber auch mild und freundlich, er ist der Zerstörer, zugleich aber auch Erneuerer und Schöpfer der Welt. Wichtigstes Kultbild der Shivaiten ist das sog. "Lingam", ein Phallussymbol, das seine Schöpferkraft versinnbildlicht. Der Shivaismus übernahm im Laufe der Zeit eine Reihe früher selbständiger Kulte, darunter diejenigen des Kriegsgottes "Kanda" und des elefantenköpfigen Gottes "Ganesha". Der Shivaismus ist nach dem Vishnuismus die bedeutendste Hindureligion.


Die Epoche der Fremdherrschaft


Der Entwicklung des Hinduismus wurden in ihrer Geschichte aber oft Hürden in den Weg gesetzt. Wenn man die Zeit von ca. 1000 n. Chr. bis 1850 betrachtet, so spricht man von der "Epoche der Fremdherrschaft". Seit dem 8. Jahrhundert drangen immer wieder muslimische Eroberer nach Indien vor, vom 13. bis zum 18. Jahrhundert regierten in Indien muslimische Herrscher. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm der Einfluss der Briten immer mehr zu, woraufhin im Jahre 1857 Indien zur britischen Kronkolonie ernannt wurde. Im heutigen Rückblick erscheinen die Jahrhunderte der muslimischen Fremdherrschaft als Epoche der Stagnation. Zwar war es gelungen, vom 9. bis zum 13. Jahrhundert den Buddhismus zurückzudrängen, bereits im 10. Jahrhundert war der Hinduismus wieder zur vorherrschenden Religion des gesamten Subkontinents geworden. Unter muslimischer Herrschaft begann er jedoch, sich politisch zurückzuziehen.
Dennoch brachte die Zeit auch Neuerungen. Die Verbreitung des Islam etwa führte dazu, dass der Hinduismus zu einer Schriftreligion wurde. Zwar blieb das Sanskrit als die "Sprache der Götter" die Sprache der "Brahmanen", also der Priester, aber ab dem 11. Jahrhundert beginnt mit der Übersetzung der traditionellen Texte in sog. Volkssprachen eine neue Epoche.
Die sog. "Bhakti-Bewegung" (Sanskrit: "verehren") wurde zum 10. Jahrhundert hin eine mächtige Strömung, die eine große Zahl von Dichtern, Gründergestalten und Führerpersönlichkeiten sowie die Blütezeit der Bhakti-Kulte (13.-18. Jahrhundert) hervorbrachte. Das Konzept der Bhakti beinhaltet die "liebende Hingabe" und Verpflichtung des Menschen gegenüber Gott und allen Mitmenschen. Im Mittelpunkt dieses monotheistischen Glaubens steht die absolute Verehrung einer Gottheit, wobei die einzelnen Bhakti-Schulen unterschiedlichen Göttern dienen. In der Regel ist dies jedoch der Gott Vishnu oder eine seiner Inkarnationen, meist Krishna. Ein wichtiges Merkmal der Bhakti-Bewegung ist die Betonung der Kraft, die der Name Gottes besitzt, den Menschen zu erlösen. "Japa", ein rituelles Wiederholen dieses Namens, z.B. von Krishna, wurde dadurch zu einer religiösen Handlung.

Der Neohinduismus


Durch den Kontakt mit dem Okzident, der westlichen Welt, entstanden ab 1800 mehrere Reformbewegungen, die unter der Bezeichnung "Neohinduismus" zusammengefasst werden. Dieser interpretiert den Hinduismus mithilfe der Ideen der europäischen Aufklärung und durch die Begegnung des Hinduismus mit dem Christentum und den modernen Wissenschaften. Heute wird zwischen der "großen" (brahmanischen, schriftlichen und gelehrten) und der "kleinen" (lokalen und folkloristischen) Tradition der Stammesgesellschaften unterschieden. Beide bestanden nebeneinander und beeinflussten sich über die Jahrhunderte hinweg gegenseitig. Der Glaube der "kleinen" Traditionen trägt stark pantheistische Züge und erkennt überall in Natur und Kosmos Zeichen der Transzendenz (Übernatürlichkeit). Der Neohinduismus stellt die "große" Tradition in den Vordergrund. Damit vermittelt er dem Westen ein sehr einseitiges Bild Indiens, das auch von vielen Indern als ihr Selbstbild angenommen wird. Trotzdem existiert die "kleine" Tradition weiter und schenkt der westlichen Welt die farbenfrohe Faszination, die der Hinduismus mit seinen vielen Gottheiten und Ritualen vermitteln kann.


 

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